Die Musik

Die mythenumwobene frühmittelalterliche Seehandelsmetropole an der Ostsee, deren wirkliche Lage niemand kennt, bekommt eine moderne Gestalt in Klängen, die vielleicht mehr sagen, als es geschriebener Text vermag, und von einer Welt erzählen, die es in unserer bewussten, vernunftgesteuerten Wirklichkeit nicht gibt.

Der Jazzmusiker Kai Beller, der in Lübeck eine Musikschule und ein Tonstudio betreibt, wird 2011 auf die Bilder Kai Jungjohanns aufmerksam. Er bringt ihn auf die Idee, für seine Bilder eine Musik zu komponieren.

Zwischen 2011 und 2020 entsteht dann in enger Zusammenarbeit der beiden Kai´s die Musik des Albums Vineta, die mit ihren mystischen, bisweilen melancholischen, bisweilen düster bedrohlichen Klängen und den von Kai Jungjohann geschriebenen Songtexten wie die Musik zu einem Film anmutet, der nie gedreht wurde.

Die CD Vineta zu diesem Album enthält ein 28-seitiges Booklet mit Texten von Felix Katzdiener zu jedem einzelnen Titel.

Das Album Vineta probehören

Undine ruft

„Vineta, Vineta, du rieke Stadt, Vineta sall unnergahn, wieldeß se het väl Böses dahn“, hat eine Meerfrau gerufen, wenige Tage bevor die Seehandelsmetropole des frühen Mittelalters, deren wahre geografi sche Lage keiner kennt, in einem Sturmhochwasser unterging. So erzählt es die Vineta Sage. Das frevelhafte Treiben der heidnischen Vineter und die Wandlung Undines zur moralisierenden Meerfrau beruht allerdings auf neuzeitlichen Zuschreibungen. Ihrem Wesen nach haben die alten Geschichten vom Wirken höherer und verborgener Mächte keine Moral. Sie sind Ausdruck des naiven Staunens und Erschreckens über das Reale, das aus den unbegreifl ichen Fügungen des Schicksals und aus den Tiefen der menschlichen Seele selbst kommt. Moralisch sind die Wasser- und Waldgeister der alten Mythen, Melusine, Undine, Rusalka, Vila oder wie immer man sie auch genannt haben mag und wo immer von ihnen erzählt wurde, allesamt nicht gewesen. Aber die Menschen auf ihren Irrwegen zwischen rationaler Welterklärung und irrationaler Welterfahrung haben sich von ihren Geschichten verstanden gefühlt.

Nachtexpress

Als ich zu meinem Abteil zurückkehrte, stand sie vor meiner Abteiltür und rauchte eine Zigarette. Sie hatte sich meinen Trenchcoat übergehängt, eine der vielen Angewohnheiten, die nicht zu ihrem Bedürfnis passten, sich von mir oft bis zur völligen Nichtbeachtung abzugrenzen. “Kannst du auch nicht schlafen?«, fragte sie. Sie sprach mit einem osteuropäischen Akzent, und doch war es ihr Gesicht und ihre Stimme. Aber wie konnte ich da so sicher sein, wo ich doch mein eigenes Gesicht im Spiegel kaum wieder erkannte? Vielleicht lag es an diesem Nachtexpress, der längst vergessene Gefühle in mir weckte. Das bloße Gefühl, sie stehe vor mir, genügte, um mich einer Illusion hinzugeben, von der ich wusste, dass sie fern jeder Realität war.

Metropolis Vineta

»An der Mündung der Oder zum Baltischen Meer lag einst die sehr angesehene Stadt Vineta«, schrieb einst Helmold von Bosau (1120–1177) in seiner Slawenchronik, »welche den ringsum wohnenden Slawen, Griechen und Sachsen einen weltberühmten Stützpunkt bot. Unter allen Städten Europas war sie gewiss die größte und von Slawen, Griechen und vielen anderen Völkern bewohnt. Man konnte an Sitten und Gastlichkeit keine anständigeren und mildherzigeren Leute als dort finden. Reich an Warenaller Länder, besaß jene Stadt alle Annehmlichkeiten …«

Mit Helmolds Schilderung hat die moderne Megapolis nur wenig gemeinsam. Nicht einmal ihre geografi sche Lage stimmt mit seiner Beschreibung überein. Ein Völkergemisch aus allen Ländern der Welt beherrscht das Stadtbild des modernen Vineta immer noch, aber diese Stadt ist unwirtlich, ihre Menschen sind gleichgültig und abweisend, und das Angebot an Waren knapp und einförmig. Diese Stadt besitzt keine Annehmlichkeiten. Nur der heisere Pfiff der Züge bringt ein Stück Vertrautheit in die Stille der Nacht und weckt Sehnsucht nach Rückkehr in eine verlorene Heimat.

Das Lied der Vila

In warmen Spätsommernächten kann man heute noch seine Melodiehören. Gesungen von Kinderstimmen kommt sie von den stillgelegten Lokschuppen aus der Zeit, in der die Stadtbahnzüge Vinetas noch von Dampflokomotiven gezogen wurden. Ostbahnkinder werden sie genannt, elternlose, verlassene, misshandelte, missbrauchte Kinder, die zwischen verrosteten Lokomotiven und alten Waggons Zuflucht gesucht haben. Es sind Kinder und Jugendliche jeden Alters, die vor gewalttätigen Vätern, überforderten Müttern, skrupellosen Menschenhändlern oder auch nur vor dem trostlosen Dasein in den Arbeitshäusern und Werkhöfen der CURA geflohen sind. Zunehmend sind die Ostbahnkinder ein Ärgernis für viele und Gegenstand ständigen politischen Gezänks.

Stadtbahnhof Odeon

Irgendwann hörte ich im Halbschlaf die singenden Elektromotoren der Stadtbahnzüge wieder, die unten auf dem Stadtbahnhof Odeon hielten und abfuhren. Langsam brachten sie die Zeit in mein Bewusstsein zurück, die für vielleicht eine Stunde einer traumhaften Gegenwart gewichen war. Es hatte aufgehört zu regnen, und der Nachmittag versprach, heiß zu werden. Ein plötzlicher Wetterumschwung im Spätsommer, wie er in Städten am Meer oft vorkommt. Ein Geruch von Stahl, verbranntem Heizöl und verkohltem Holz wehte durch das geöffnete Fenster herein. Von weiter Ferne waren Polizeisirenen und Schüsse zu hören. Etwas beunruhigt wollte ich meine fremde und doch so vertraute Gefährtin neben mir umarmen und noch einen kurzen Augenblick die Welt da draußen vergessen. Aber sie war nicht mehr da. Während ich schlief, muss sie das Hotelzimmer verlassen haben. Ein Gefühl endloser Leere und tiefer Verzweiflung nach diesem zerbrechlichen Traum im Traum hatte mich erfasst, als zwei Männer mit schwarzen Ledermänteln in das Hotelzimmer traten und mich festnahmen.

Leutnant Raimas Faltin

Man führte mich zu einem der Bürotische im rechten Seitenschiff der Kirche, wo Leutnant Faltin im weißen Hemd unter einem großen Stadtplan von Vineta vor einem schwarzen Telefon und einem Stapel Akten saß und eine Zigarette rauchte. Wieder war ich davon berührt, wie jung dieser Leutnant der Staatspolizei war und wie sehr er mich an meinen Sohn erinnerte. Faltin war ärgerlich. »Es ist immer dasselbe. Irgendein Wichtigtuer, der mit sich und der Welt nicht klar kommt, verkündet eine neue Heilsbotschaft, ein Eu-Angelion. Hunderte von Eiferern verfassen ihre Kommentare dazu und zetteln einen erbitterten Streit in der Öffentlichkeit darüber an. Und tausend Jahre lang schlagen sich Menschen auf den Straßen gegenseitig tot wegen Wahrheiten, die nur in ihren Köpfen existieren«, sagte der Leutnant und schob mir seine Zigarettenschachtel hin.

Marsch der Schwarzen Diener

Ursprünglich eine berittene Polizei in den Handelsmetropolen des Ostseeraums symbolisierten die Schwarzen Diener die weltliche Macht der Städte gegenüber dem universalen Herrschaftsanspruch der lateinischen Kirchen, ihren Missionaren und ihren Kreuzfahrern. In Vineta, wo sich heidnisches Brauchtum bis in die Gegenwart behaupten konnte, stellt sich die Stadtpolizei in die Tradition der mittelalterlichen Schutztruppe. Vor hohen christlichen Feiertagen patrouilliert eine Hundertschaft der Schwarzen Diener zu düsterer Marschmusik durch die nächtlichen Straßen der Innenstadt, was die deutschstämmige Oberschicht zunehmend als Provokation empfindet. Das Pantheon von Vineta wird von einem Wachbataillon der Schwarzen Diener bewacht, und der stündliche Wachwechsel ist ein beliebtes Schauspiel für Einheimische und Fremde. Bei allem militärischen Spektakel, das die Schwarzen Diener veranstalten, bleibt dem Fremden nicht verborgen, dass die Vineter ihre Polizei nicht mögen. Die Schwarzen Diener sind als gewalttätig und korrupt verrufen.

Schatten der Nacht

Auf unsichtbaren Flügeln, folgt ich des Tages Licht,
das still und sanfter glühend im Wolkenmeer verblich.
Fernab der dunklen Schatten meiner Vergangenheit
trug mich der Wind in Weiten einer andren Zeit,

Hoch über schwarzen Wäldern, die weißer Nebel hüllt
hab ich in meinem Innern ein warmes Herz gefühlt,
sah Bilder ferner Länder, die ich erträumt als Kind,
und meine kalten Tränen vertrieb der Abendwind.

Die eine kleine Hoffnung hat mich sanft angerührt,
als hoch ich über Wolken deine Hand gespürt.
Die Liebe, die ich suchte, war mir kein Schrecken mehr,
die Orte, wo ich ruhte, war´n sicher still und leer.

Auf deiner Träume Schwingen war Fliegen kinderleicht,
der Kinder leises Singen hat mich im Flug erreicht,
doch in den zarten Stimmen aus einer fernen Zeit
hört ich ein Lied erklingen von tiefer Traurigkeit.

Schwer wurden mir die Flügel im letzten Sonnenlicht,
und zwischen Nebelfahnen sah ich in dein Gesicht,
so bleich bist du gewesen, so kalt, so nackt so fern,
und hilflos sank ich nieder auf diesen schwarzen Stern.

 Wenn der Sommer geht

Wenn der Sommer geht, beginnt in den Dörfern der Waldstadt die Zeit der Feste. Jedes Fest ist mit ausgiebigen Schmausereien vor brennenden Scheiterhaufen und hölzernen Götterstandbildern, vor allem aber mit dem Genuss von reichlich Bier verbunden. Die kleinen Brauhäuser in Privatbesitz, die ein würziges sehr herbes Bier brauen, haben dann Hochkonjunktur. Wenngleich die alten Götzenbilder nur mehr die Kulisse für ein farbenfrohes Trachten- und Maskenspektakel abgeben und kaum ein Vineter heute noch ernsthaft an Götter wie Patollos, Perkunos oder Potrimpos glaubt, fühlt sich der Besucher doch in eine fremde längst vergangene Zeit zurück versetzt. Hinter dem Dunstschleier, den die Holzfeuer über der Waldstadt ausbreiten und zu den Klängen uralter Musik geschehen in den noch milden Spätsommernächten auch fragwürdige Dinge, unter denen die altpreußische Bocksheiligung noch zu den harmloseren gehört. Alle wissen darum und niemand redet darüber. Wenn der Sommer geht, bekommen die Beamten der Stadtpolizei von Vineta, die »Schwarzen Diener«, viel zu tun. Und ihre Ermittlungen verlaufen fast immer im Sande.

Das Lied der Ostbahnkinder

Wir kommen, wer weiß woher.
Wir sind und wissen nicht wer.
Wir machen was uns gefällt
in dieser uns feindlichen Welt.
Wir fahren, wer weiß wohin
und fragen nicht nach dem Sinn

Wir sind die Ostbahnkinder
Und fahren durch die Welt.
Kein Ort an unsern Wegen,
an dem uns etwas hält.
Kein Schmerz kann uns bezwingen,
noch Feuer, Flut und Wind.
Kein Mensch wird um uns weinen,
wenn wir mal nicht mehr sind.

Wir suchen ein bisschen Glück, vom
Reichtum ein kleines Stück.
drum klauen wir was nur geht
denn morgen da ist es zu spät.
Und keiner sperrt uns mehr ein
Denn wir sind jetzt nicht mehr allein

Wir sind die Ostbahnkinder…

Wir leben, wer weiß wie lang.
Wir sterben und wissen nicht wann.
Wir träumen, dass es einen gibt,
der so wir sind uns liebt.
Doch Lüge ists, die uns vereint
und Wahrheit der Hoffnungen Feind

Wir sind die Ostbahnkinder…

Der Text ist von einem mittelalterlichen Priamel unbekannter Herkunft abgeleitet.
Martin Luther hat es den »Reim der Gottlosen« genannt.

Panzerschiff Autrimpos

Ich blickte in die fernen Wolken über dem Meer und folgte in meinen Gedanken dem weißen Panzerschiff mit den gelben Schornsteinen noch lange, nachdem seine Rauchfahne am Horizont verschwunden war. Unsinkbar, unverwundbar war es für mich geworden und dabei nur noch ein gedachter Punkt hinter dem Horizont. Wo immer meine Reise auch enden mag, eine kleine Sehnsucht wird zurück bleiben nach einem fernen Land jenseits des großen Meeres der ungeweinten Tränen. Vielleicht kann ja nur ein altmodisches Panzerschiff in weißer Friedensbemalung dieses Meer überqueren, mit goldbetressten Operettenoffi zieren in weißen Uniformen auf der Kommandobrücke zu wehmütiger Musik aus einer längst vergangenen Zeit. Aber wer kann wirklich wissen, ob sich das Panzerschiff nicht eines fernen Tages wie ein graues Ungeheuer aus dem Morgennebel lösen und im Licht der aufgehenden Sonne seine Geschütztürme auf die Hochhäuser der Metropolis richten wird? Wir wissen nichts von dieser magischen Gestalt in den Träumen eines ernsten einsamen Kindes.

Was bleibt

Du siehst, wo du auch stehst nur Eitelkeit auf Erden,
was dieser heute baut, reißt jener morgen ein.
Wo jetzt noch Städte steh´n, wird eine Wiese sein,
auf der ein Schäferkind wird spielen mit den Herden.

Was jetzt noch prachtvoll blüht, wird bald zertreten werden.
Was jetzt noch protzt und trotzt, ist morgen Asch und Bein.
Nichts ist, das ewig bleibt, kein Stahl, kein Marmorstein.
Noch lacht das Glück uns an, bald grollen die Beschwerden.

Der großen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergeh´n,
soll denn das Spiel der Zeit der schwache Mensch besteh´n?
Ach was ist alles dies, worin wir Reichtum sehn,

als trügerischer Schein, als Schatten, Staub und Wind,
als eine Wiesenblum, die man nicht wieder findt
Noch kann, was ewig ist, kein einzger Menschen versteh´n.

Text nach dem Sonett »Alles ist eitel« von Andreas Gryphius (1616–1664)

Die Musik-CD Vineta

Die von Green Empire als PAC-Book liebevoll gestaltete CD ist kein altmodischer Datenträger für Audiodateien. Sie ist ein kleines Kunstwerk für sich, in dessen 28-seitigem Booklet sich wie in einem  gebundenen Buch blättern und lesen lässt. Die Texte von Felix Katzdiener und die Bilder von Kai Jungjohann  geben jener fremden Welt des Vineta Experiments  im Zusammenspiel mit der Musik Tiefe und regen den Hörer und Leser zu eigenen Phantasien an. 

Das Album Vineta streamen

Das Album Vineta mit 13 Musiktiteln, Gesamtdauer ca. 50 Minuten, steht in allen größeren Streaming Portalen wie zum Beispiel Spotify und iTunes  zur Verfügung. Bei Amazon kann es auch digital entweder als ganzes Album und nach einzelnen Titeln gekauft werden.

Das Album Vineta im Hamburger Lokalradio

Das Hamburger Lokalradio existierte bis 2023 und war ein nicht kommerzieller regionaler Kultursender. Er strahlte sein Programm täglich von 0:00 bis 6:00 Uhr und sonntags von 4:00 bis 24:00 Uhr auf UKW 96,0 MHz und auf DAB+ aus. Außerdem konnten seine Sendungen über das Internet im Livestream gehört werden.

Immer Sonntags von 17:00 bis 18:00 stellte Gaby Helbig in ihrer Sendung Musik und Literatur  Musiker und Autoren und ihre Werke vor. Am 20. Juni 2021 sprach Gaby Helbig mit Kai Jungjohann über die von ihm herausgegebene CD Vineta.

Die Wiedergabequalität ist aus technischen Gründen reduziert. Um die Musik in voller Qualität zu hören, wird der Kauf der CD empfohlen.